Die Transformation der Seestrasse 1 in Zug räumt jedem Bestand vorbehaltlosen Wert ein und legt den Fokus auf die Gestaltung von integrativen Prozessen anstelle vorschnell formulierter Ziele und Bilder. Dabei wurde abseits der gewohnten Leistungsphasen ein nicht-linearer Umgang mit komplexen Bestandsstrukturen erprobt, den wir aktuell auf verschiedene bauliche Herausforderungen und Situationen anwenden. Anstelle einer schrittweisen Planung, bei der die wichtigsten strategischen Entscheidungen verfrüht und ohne integrale Kenntnis der bestehenden Konstruktionen und der projektinhärenten Zusammenhänge gefällt werden müssen, basiert das Vorgehen auf einer parametrischen Denkweise, bei der Entscheidungen in Abhängigkeiten zueinander gestellt werden und dynamisch bleiben.
Während der ersten Phase des kontrollierten Rückbaus maroder und nichttragender Bauteile wurde deutlich, dass die verschachtelte Raumstruktur nicht aus einem, sondern aus zwei Häusern, vier Räumen in einem dritten Haus und einer mehrfach überbauten ehemaligen Gasse bestand. Seit dem Mittelalter haben mehr als 30 nachweisebare Umbauten stattgefunden. Zu den einschneidenden Veränderungen gehören das Drehen des Daches (mit Wiederverwendung des alten Gebälks), das Zuschlagen der Räume im Nachbarhaus sowie das Absenken und die Öffnung des Erdgeschosses zur neuen Seepromenade im 19. Jahrhundert. Begegnet sind wir dieser Ausgangslage mit drei Projekten.
1. Dissektion
Im Rahmen des ersten, drei Monate nach Arbeitsbeginn eingereichten Baugesuches für den schrittweisen Rückbau, wurden Schichten abgetragen und Raum- und Tragstrukturen freigelegt. Mit dem Ziel, «das Haus zwischen den Zeiten zu finden», wurden schadhafte Bauteile entfernt, provisorische Schutzmassnahmen getroffen oder Verkleidungen demontiert, analysiert und eingelagert. Auffallend war, wie viele Bauteile bereits verändert oder wiederverwendet vorgefunden wurden. Nicht einzelne, prägende Epochen der Hausbiographie, sondern deren Vielfalt, Brüche und Spannungsmomente sollten zum räumlichen Thema des Umbaus werden.
2. Reparatur
Die zum See orientierten Räume wiesen einen barocken Ausbau von hohem Wert auf, waren jedoch akut einsturzgefährdet; Die rückwärtigen Räume wiesen aufgrund schlechter Belüftung und ungünstigen Anordnung der ehemaligen Nassbereiche Holzfäule auf. Verschiedene wichtige Bauteile (wie die Brandmauer zum Nachbarhaus oder die Abfangung des gedrehten Daches) fehlten vollständig. Um die intakten Bauteile nicht als reine Relikte zu erhalten, sondern ihre Funktion und Tragfähigkeit wiederherzustellen und zu sichern, wurden ortsspezifische Ergänzungskonstruktionen realisiert. Allen gemeinsam ist, dass sie den Bestand von der Aufgabe der Aussteifung entlasten und auf eine Nutzungsdauer von 150(+) Jahren ausgelegt sind.
3. Aneignung
Um die Neuprogrammierung des Hauses als Wohn- und Arbeitsort mit einem öffentlichen Raum im Erdgeschoss zu ermöglichen, wurden die reparierten Strukturen und alten Oberflächen nur punktuell mit leichten, möbelartig formulierten Elementen ergänzt. Während die tiefgreifende Reparatur auf eine lange Nutzungsdauer und zukünftige Veränderungen (über unseren Umbau hinaus) verweist, sind hier ein Zeithorizont von 15 Jahren und das Prinzip der nichtdestruktiven/ Design-for-Disassembly Fügung wesentliche Voraussetzungen für die architektonische Ausformulierung der Eingriffe.
Privates Planerwahlverfahren 1. Preis
Hase in Silber "Hochparterre - Die Besten 2024", Nominiert zum ARC Award 2025
Publiziert u.a. in Archithese "Swiss Performance 2025", Hochparterre "12/24", Zuschnitt "#99"
Architektur: Stefan Wülser + Agnieszka Łatak + Geraldine Burger + Riccardo Simioni + Clemens Krüger
Ausführung in engem Austausch mit der Denkmalpflege und der Bauforschung Mittelalter der Stadt Zug
Holzbauingenieur: IHT
Bauingenieur: Basler Hofmann
Bauphysik: RSP
Haustechnik: Olos